Reportage über die Berufsbildung der Institution Barbara Keller

Mia Hess, 27. Juni 2019

Einleitung

Wie ist der Umgang mit Menschen mit einer Beeinträchtigung? Wo liegen die Probleme und Einschränkungen dieser Menschen? Wie ist es möglich, solche Probleme zu lösen? Wie können Mitmenschen und die Wirtschaft helfen? Was sind die Chancen dieser Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt? Ist ihr Leben lebenswert? Wie ist die Unterstützung der Schweiz in all diesen Punkten?

 

Ich kam mit der Absicht, mir ein Bild von der Ausbildung beeinträchtigter Jugendlichen zu machen. Mich nahm dabei vor allem der Umgang mit Menschen mit einem Handicap wunder. Ich hatte bereits einen relativ starken Bezug zu diesem Thema, da meine Tante Ombudsfrau der Stiftung Balm ist und mein Grossvater - ein Psychologe- einige Jahre in deren Stiftungsausschluss aktiv war. Mein Vater hilft in der Martin Stiftung ab und an bei der Betreuung mit und auch ich persönlich interessiere mich für soziale Berufe. Der Schwerpunkt meiner Reportage besteht darin, den Lesern ein Bild aus verschiedenen Perspektiven, vor allem jene der Betroffenen und der Betreuer, zu vermitteln. Bereits im Voraus informierte ich mich im Blog über die Barbara Keller-Stiftung und las die UN-Behindertenrechtskonvention. Während zwei Besuchen führte ich mehrere Gespräche. Als erstes wurde ich von Nelson Correia ins Thema ein- und in der Stiftung herumgeführt. Anschliessend sprach ich mit einer Lernenden und mit Mirjam Arter, der Schulleiterin und Lehrerin, ein Interview. Später hatte ich auch ein Gespräch mit Margit Glanz, der Pädagogin und Fachverantwortlichen für die Klientenaufnahme. Spontan wurde es mir auch ermöglicht, verschiedenen Jugendlichen Fragen zu stellen. Alle Gesprächspartner waren unglaublich nett, offen und interessiert. In der Barbara Keller-Stiftung spürt man sofort die warme, familiäre Stimmung.

 

Die Geschichte der Institution Barbara Keller

Rettungsanstalt, Versorgungsanstalt, Privatanstalt für taubstumme und schwachsinnige Kinder oder auch einfach Anstalt für blödsinnige Kinder. Unter diesen Namen wurde 1849 ein Heim für behinderte Kinder in Zürich Hottingen von Barbara Keller gegründet. Bald darauf die Einweihung am neuen Standort in Küsnacht. Das Heim hiess neu „Anstalt für schwachsinnige Mädchen“ Wirklich schwachsinnig?

 

Heute steht das Heim in Binz. Nur noch der Bereich Berufsbildung verblieb in Küsnacht. Bekannt ist die Barbara Keller-Stiftung in der Region als Heim für Menschen mit Behinderung. Doch wird diese Bezeichnung gemäss Allgemeinbildungslehrer Nelson Correia nicht gerne gehört. Es handelt sich hier um Jugendliche, die sicher eine gewisse Beeinträchtigung oder auch Lernschwäche haben, aber klar bildungsfähig sind. Allerdings brauchen sie dabei fachgerechte Unterstützung. Im Ausbildungsangebot sind verschiedene praktische Ausbildungen, wie Behindertenbetreuung, Kinderbetreuung oder Seniorenbetreuung. Dazu gehört ein Praktikumsplatz im ersten Arbeitsmarkt. Zusätzlich gibt es auch Angebote ohne Praktikumsplätze. Die Ausbildungen werden entweder von INSOS (dem Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung) zertifiziert oder es handelt sich um eigen kreierte Ausbildungen, welche dennoch sehr stark am ersten Arbeitsmarkt orientiert sind. Sie sind jedoch nicht eidgenössisch zertifiziert. Die Jugendlichen schliessen somit weder mit einem EFZ (Eidgenössisches Ausbildungszeugnis) noch mit einem EBA(Eidgenössisches Berufsattest) ab. Ziel ist es aber, nach dem Abschluss eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt zu finden. Da die Ausbildung nicht zertifiziert ist, wird umso mehr darauf geachtet, dass diese Jugendlichen die für den Arbeitsalltag notwendigen Kompetenzen und die Motivation besitzen.

 

Sichtweise Lernende

Das 17-jährige Mädchen, nennen wir sie Marie, tritt in Begleitung der freiwilligen Klassenassistenz Elisabeth Voss ins Schulzimmer für Allgemeinbildung. Sie setzt sich an einen der knapp zehn alten, hölzernen Schultische direkt gegenüber der Wand mit den farbigen Lehrmitteln und Ordnern. Dann beginnt sie kurz und knapp von ihrer Kindheit zu erzählen. Bis in die vierte Klasse ging sie in die reguläre Primarschule. Danach wechselte sie in eine Privatschule in Wallisellen und später nach Winterthur, da sie vor allem in Mathe Lernprobleme hatte. Bei der Recherche stiess sie schliesslich auf die Barbara Keller-Stiftung, die die gewünschte Ausbildung in Richtung Alterspflege anbot. Nun sei sie im ersten Lehrjahr. Nach dem Abschluss möchte sie zuerst im Altersheim, später allerdings in einem Spital arbeiten. Momentan wird abgeklärt, welche zusätzlichen Ausbildungen sie noch benötigt, um im Spital arbeiten zu können. Zurzeit ist sie noch hier, wo es ihr sehr gefällt. In manchen Fächern, wie Hauswirtschaft oder Seniorenbetreuung, sei sie zwar fast unterfordert, in Mathe muss sie sich dafür aber richtig bemühen. „Wichtig isch es immer dra z’bliibe und nie uf z’geh!“,meint sie.

 

Um 6.45 beginnt der Tag, um 7.00 wird gefrühstückt. Schulbeginn ist um 8.00. Danach geht die Schule, unterbrochen von mehreren Pausen, bis um 16.30 weiter. Anschliessend gehen die WG-Bewohner in die WG, wo sie um 18.00 gemeinsam das Abendessen einnehmen. In der Freizeit werden Spiele gespielt, spaziert und manchmal auch für anstehende Prüfungen gelernt. Die Atmosphäre ist generell gut. Gemeinsam wird gelacht und über alles Mögliche geredet. Es gibt genügend Unterstützung und die Klassengrössen sind relativ klein, damit sich alle konzentrieren können. Natürlicherweise gibt es aber auch hier ab und zu kleine Streitereien, wie Marie weiter ausführt.

 

Die Lernenden, die hierher kommen, unterschreiben einen Vertrag mit der Barbara Keller-Stiftung. Das heisst, der Vertrag wird nicht wie üblich zwischen dem Betrieb und dem Lehrling geschlossen. Die Barbara Keller- Stiftung ist verantwortlich für die Ausbildung. Im Anschluss sucht sie nach einem geeigneten Praktikumsplatz, wenn möglich im ersten Arbeitsmarkt. Im Gegensatz zur Regelberufsschule besteht eine tiefere Beziehung zwischen Betreuern und Lernenden, weil jeder einzelne Schüler individuell gefördert wird. Deshalb gibt es auch keine Klasse mit mehr als 10 Schülern. Arbeitsblätter und Lernkontrollen werden in einer einfacheren Sprache geschrieben und enthalten mehr Bilder zur Veranschaulichung.

 

Sichtweise Lehrerin

Mirjam Arter ist Schulleiterin an der Barbara Keller Stiftung. Sie unterrichtet zudem das Fach Seniorenbetreuung. Ursprünglich studierte sie Pflegewissenschaften und arbeitete im Langzeitpflegebereich und im Spital. Über Umwege kam sie ins Wohnheim für Menschen mit Behinderung. Da sie schon vorher Teilzeit unterrichtet hatte, wechselte sie 2016 in die Berufsbildung. Hier entwickelte sie die Ausbildungen mit und erarbeitete gemeinsam mit der Invalidenversicherung Konzepte. Diese Arbeit ist für sie sehr sinnvoll und das Arbeiten mit jungen Leuten, die einen jeden Tag aufs Neue herausfordern, ist motivierend. Das sofortige Reagieren auf gewisse Eigenheiten der Lernenden müsse aber gelernt sein. Der Trick bestehe darin, dem Problem so weit nachzugehen, dass es wieder möglich sei, mit dem Unterricht fortzufahren. Im Allgemeinen helfe es, klar und immer gleich zu reagieren, sodass die Jugendlichen Situationen einschätzen können.

Eine andere Herausforderung sei es, die potenziellen Partnerbetriebe für einen Praktikumsplatz zugewinnen. Dabei sei es oft notwendig, eine gewisse Angst bei den Betrieben, welche sich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben, abzubauen. Dazu müsse man den Partnerbetrieben klar machen,  was die Lernenden brauchen und wie sie die Lernenden begleiten sollen. Es ist allgemein wichtig zu verstehen, dass es Menschen gibt, die nicht auf Anhieb den direkten Weg durch das Bildungssystem der Schweiz finden, sondern Unterstützung brauchen. Es lohne sich aber sicherlich, diese Menschen zu fördern und in sie zu investieren, sodass auch sie eine Chance haben, selbstständig im Alltag zurecht zu kommen.

„Ich denke, Betriebe haben den Auftrag beeinträchtigte Personen einzustellen. Natürlich sehe ich, dass es vor allem für kleine Betriebe ins Gewicht fällt, wenn ein Mitarbeiter weniger verlässlich ist. Deshalb denke ich, bräuchte es Aufklärung und andererseits finanzielle Anreize, sodass auch kleinere Betriebe sich trauen einem Beeinträchtigten eine Chance zu geben.“, meint Mirjam Arter zum Abschluss des Gesprächs.

 

Sichtweise Pädagogin

Die leuchtenden Wörter auf der grünen Uhr sagen elf Uhr vormittags. Die Hitze füllt das schlicht in weiss gehaltene Sitzungszimmer. Eine leichte Brise kommt durch das offen stehende Fenster. Ab und zu fährt ein Zug vorbei, das Gezwitscher der Vögel ist zu hören und das konstante Gemurmel der Jugendlichen ist zu vernehmen. Mit einem Kaffee in der Hand betritt Margit Glanz das Zimmer. Nach der Bachelorarbeit hatte sie als Wohngruppenleiterin in der Barbara Keller-Stiftung ihre berufliche Laufbahn begonnen. Heute ist sie die Fachverantwortliche für Klientenaufnahme und Pädagogik. Es liegt in ihrer Verantwortung, Gespräche, Schnupperaufenthalte und deren Auswertung zu organisieren. Bei der Aufnahme eines Jugendlichen mit einer grösseren Beeinträchtigung ist zuerst eine Kostengutsprache bei der Invalidenversicherung zu beantragen.

Der Begriff Behinderung sei auch heute immer noch ein grosses Thema. Auch wenn die Gesellschaft heutzutage schon recht fortschrittlich sei, gäbe es Teile der Gesellschaft, welche wenige Berührungspunkte mit diesen Menschen haben. Diese ständen dann auch dem Begriff Behinderung oft sehr kritisch gegenüber. Ihnen müsse man nahe bringen, dass Menschen aufgrund von körperlicher oder geistiger Behinderung nicht weniger wert seien. Alle seien Menschen, die Platz in unserer Gesellschaft haben. Vielleicht haben gewisse Menschen eine Lernschwäche, doch definieren sich Menschen nicht über eine Beeinträchtigung, sondern über ihren Charakter und ihre Persönlichkeit. Diese Jugendlichen haben so wundervolle Fähigkeiten, die zu schätzen sind. Trotzdem hat es viele Jugendliche hier, die ein grosses „Päckchen“ auf ihren Schultern zu tragen haben. Manche leiden an einer jahrelangen Diskriminierung und einer Summe an negativen Erfahrungen, weil zu spät erkannt wurde, dass sie eine Lerneinschränkung haben. Teilweise hat es hier auch 25 -jährige Jugendliche, die eine Lernschwäche haben und bei denen von den Eltern versucht wurde, sie durch eine Vielzahl von Ausbildungen durchzuschleusen. Wenn sie dabei nicht erfolgreich waren, wurden sie oft als faul und dumm bezeichnet. Das haben die Jugendlichen natürlich dann in sich gespeichert. Manche spüren es leider, dass sie in der Gesellschaft nicht vollständig akzeptiert werden. Das solle eigentlich nicht so sein. "Wir haben hier viele Jugendliche, wo klar spürbar ist, dass von Seiten der Familie eine negative Einstellung gegenüber praktischen Ausbildungen besteht und selbst die Familie ihrem Kind signalisiert, dass das, was sie machen, nicht viel Wert ist. Das ist leider Realität. Wir haben nur bedingt die Möglichkeit, die Eltern und auch die Jugendlichen vom Gegenteil zu überzeugen. Wir versuchen ihnen während dieser zwei Jahre, die sie bei uns sind, so viel Positives mitzugeben, wie möglich. Aber wenn die Familie nicht dahinter steht, ist das schwierig…und das ist schlimm.“, erzählt Margit Glanz besorgt.

 

„Mit Jugendlichen wird es nie langweilig. Belastungen lassen sie alle jeden Tag wachsen. Wichtig ist, in schwierigen Situationen nicht wegzulaufen, sondern die Lernenden mit den Schwierigkeiten zu konfrontieren, denn weglaufen hilft nichts.“, meint Margit. Wo Reibung sei, entstehe auch Wärme im zwischenmenschlichen Sinne. Herausforderungen für die Jugendlichen seien Basics, wie am Morgen pünktlich aufzustehen. Die grösste Herausforderung aber sei nach wie vor der Umgang mit zwischenmenschlichen Konflikten. „Die Menschen mit Beeinträchtigung haben noch nicht die Werkzeuge, um am Arbeitsplatz konfliktfähig zu sein. Das müssen sie lernen. Auch im Praktikum geschieht es häufig, dass es zu Unstimmigkeiten im Team kommt, weil sie viele zwischenmenschliche Situationen noch nicht richtig deuten und einordnen können, geschweige denn eine Lösung zu finden. Sie speichern Konflikte anders ab, als normalbegabte Menschen. Sie nehmen sehr viel auf der Gefühlsebene wahr, was sie zu einzigartigen Menschen macht. Sie sind viel mehr auf der emotionalen Ebene unterwegs, worin sich ihre wertvolle praktische Arbeit vor allem auszeichnet.“, schliesst Margit Glanz ihre sehr interessanten Ausführungen ab. Man merkt ihr an, dass ihr Beruf auch eine Art Berufung ist.

 

Wichtig ist die spezifische Förderung dieser Jugendlichen. Mit der Gründung der Barbara Keller-Stiftung wurde ein grosser Beitrag geleistet, diesen Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit einer Beeinträchtigung, eine Ausbildung zu ermöglichen. Sie brauchen lediglich mehr Unterstützung und etwas mehr Zeit.

 

Mein Fazit

Feststeht, dass das Leben eines Menschen mit einem Handicap lebenswert ist. Denn durch die Besuche habe ich erfahren, dass diese Jugendlichen lediglich Lernprobleme haben. Mit gezielter Unterstützung können sie meist eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt finden. Lehrpersonen sind darauf spezialisiert mit gewissen Eigenheiten umzugehen, speziell darauf Konflikte mit den Jugendlichen zu lösen. Generell besteht in der Schweiz eine gute Unterstützung von Menschen mit Handicap. Insbesondere die Invalidenversicherung ermöglicht die gute Betreuung von Menschen mit einem Handicap durch die Zurverfügungstellung von Finanzmitteln. Einzig von gewissen Teilen der Wirtschaft wäre noch ein bisschen mehr Offenheit erwünscht. Gesellschaftlich wird der Ausdruck Behinderung oft falsch verstanden. Vielen Menschen muss noch vor Augen geführt werden, dass diese Menschen nicht minderwertig sind. Im Gegenteil. Sie leisten wichtige Arbeit, sind gute und treue Mitarbeiter, wenn man ihnen die Dinge mit Geduld erklärt. Vor allem nehmen sie unglaublich viel auf der Gefühlsebene wahr. Kurzum, sie sind ebenso Menschen wie wir, mit Stärken und Schwächen.

Für mich war es eine sehr wertvolle Erfahrung, mit den Lernenden zu reden. Mir ist aufgefallen, dass sie zwar teilweise etwas wortkarg sind, doch kann man mit ihnen durchaus interessante und offene Gespräche führen, wenn sie etwas Vertrauen gefasst haben. Dabei waren sie mir gegenüber sodann sehr offen und stets unglaublich freundlich. Umso mehr war ich geschockt zu erfahren, dass es Eltern gibt, die ihre Kinder auf deren Weg, mit praktischen Lehren via unterstützender Institutionen, nicht begleiten wollen und ihn gar als minderwertig betrachten. Ich wünsche mir sehr, dass in der heutigen Gesellschaft die Diskriminierung ein Ende hat. Ich möchte den Menschen klar machen, dass diese Jugendlichen es nicht verdient haben, schlecht behandelt zu werden. Letztlich sind alle Menschen gleich viel wert. Ich denke, dass der Wert einer Gesellschaft sich nicht zuletzt auch darin zeigt, wie sie mit ihren schwächeren Mitgliedern umgeht.

Schülerin der Kantonsschule Küsnacht

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